Ludvine Petetin

Ludvine Petetin

lehrt an der Universität Cardiff Agrarrecht. In ihren Forschungen beschäftigt sich die gebürtige Französin mit Themen wie Lebens­mitteldemokratie und -sicherheit, Agrartechnologie, nachhaltiger Landwirtschaft und ländlicher Entwicklung sowie den Auswirkungen der Corona-Krise. Sie arbeitet dabei mit nationalen Regierungen und internationalen Institutionen wie der WHO zusammen.

Als der Lockdown in Asien, dann Europa und später auch Nordamerika Millionen von Menschen vom öffentlichen Leben fernhielt, erschütterte dies auch die weltweiten Agrarmärkte: Die Notierungen für Palmöl, Milch, Kartoffeln und Mais genauso wie für Geflügel und Schweinefleisch stürzten teilweise massiv in den Keller. Mais etwa wurde für die Ethanolgewinnung kaum mehr nachgefragt, seit durch den wirtschaftlichen Einbruch und die fehlende Mobilität Rohöl an den Märkten fast verschenkt wurde. In Europa und Nordamerika pflügten Farmer derweil tonnenweise erntereife Kartoffeln wieder unter. Ähnlich war die Situation für Milch, seit der Schließung von Cafés und Schulen sank vor allem in den USA der Milchkonsum dramatisch. Am 26. April wandte sich der Chef des US-Fleischproduzenten Tyson Foods an die Öffentlichkeit – in einer einseitigen Zeitungsanzeige wies er mit nur sechs Worten auf eine bedrohliche Schieflage im Fleischmarkt hin: „The food supply chain is breaking.“

Bereits Ende März hatte der weltweit drittgrößte Reisexporteur Vietnam seine Ausfuhren eingestellt. Kasachstan zog als wichtiger Weizenlieferant mit, Länder wie die Philippinen, Ägypten und Saudi-Arabien begannen damit, Großmengen an Reis beziehungsweise Weizen zu horten – sogar in Deutschland ver­doppelte sich der Reisabsatz aufgrund von Hamsterkäufen. Damit waren für Abdolreza Abbassian, leitender Ökonom der Welt­ernährungsorganisation FAO, alle Zutaten für eine globale Versorgungskrise gegeben. Er warnte davor, dass Panikkäufe von Importeuren oder Regierungen eine Nahrungsmittelkrise auslösen könnten. Dabei herrschte gar kein Mangel an Agrar­produkten. Fabrizio Zilibotti von der Universität Yale sprach von einem globalen „Angebotsschock“: Die Landwirte boten aus­reichend Ware an, sie erreichte nur nicht mehr diejenigen, die sie brauchen. Die Konsumenten waren von den Herstellern abgeschnitten, die Lieferketten nicht mehr offen.

Erfolgreicher Einsatz der Organisationen

Dass die befürchtete globale Krise zunächst ausblieb, ist laut Prof. Ludivine Petetin, Agrarjuristin an der Universität Cardiff in Wales, vor allem der Welthandels-, Weltgesundheits- sowie den Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisationen der Vereinten Nationen (FAO) zu verdanken: „Die Organisationen haben frühzeitig und erfolgreich interveniert. Vietnam hob auf Druck der Welt­gemeinschaft nach nur zwei Wochen den Exportstopp wieder auf, andere Länder zogen nach, außerdem wurden die staatlichen Bevorratungskäufe anderer Staaten zurückgefahren, das alles hat geholfen.“

Die französische Wissenschaftlerin beobachtet die internatio­nalen Agrarmärkte seit vielen Jahren. Zur Corona-Krise sagt sie: „Welche Auswirkungen die Pandemie tatsächlich haben wird, kann noch niemand wirklich valide sagen.“ Aber die Entwicklung bereitet ihr Sorgen, schließlich seien in Südostasien, Afrika oder Lateinamerika noch immer Millionen Menschen vom Lockdown betroffen: „Dann fehlen die Arbeiter auf den Feldern, und das kann die Aussaat oder Feldbearbeitung beeinträchtigen.“ Sowie in China, wo nach Schätzungen der Beratungsfirma BRIC Agri-Info Group mehr als drei Millionen Tonnen Obst und Gemüse auf den Feldern und Plantagen verrottet sind, weil keiner die Ernte einholte. Mehr als 300.000 chinesische Imker-Nomaden konnten aufgrund der Reisebeschränkungen mit ihren Bienenvölkern nicht wie gewohnt durch das Land reisen, wodurch zahlreiche Aussaaten – vor allem Raps und Sojabohnen – nicht bestäubt wurden. In Petetins Heimat Frankreich rief die Regierung bereits die Bevölkerung auf, bei den Ernten zu helfen. In Deutschland stellte das wochenlange Fernbleiben von Arbeitskräften aus Süd- und Osteuropa die Spargel- und Erdbeer­anbauer vor große Probleme.

Die sensibelste Engstelle in den Lieferketten sieht die Agrarjuristin aber bei den Zwischenhändlern, den Schlachthöfen, Verpackungs- und Verarbeitungsbetrieben: „Selbst alltägliche Grundnahrungsmittel queren für Verarbeitung und Verpackung bis zu fünf Landesgrenzen, bis sie auf dem Teller der Verbraucher landen.“ In Großbritannien wurde zu Beginn des Lockdowns beispielsweise das Mehl in den Supermärkten knapp, die Regale waren wie leer­gefegt. Dabei mangelte es im Königreich nicht an Mehl, sondern an Mehltüten. Petetin erklärt: „Großbritannien importiert die Verpackungen, durch die Grenzschließungen kam diese Lieferkette aber zum Erliegen.“

Die Situationen ähneln sich überall in der Welt, wie Ben Brown von der Ohio State University in Columbus bestätigt. Der Experte für Risikomanagement sagt in seinen Worten: „We have to keep the chains open.“ Die Lieferketten offen zu halten, sei der Schlüssel.

Was geschieht, wenn das nicht gelingt, zeigte sich im Frühjahr in den USA, als die ersten Schlachthöfe und andere Lebens­mittelverarbeiter wegen Masseninfektionen geschlossen werden mussten. Die auf diese Weise blockierten Lieferketten führten zu einer Situation, die zunächst bizarr anmutete, aber ökonomisch einfach zu erklären war: „Verbraucher zahlten plötzlich Höchstpreise, weil das Angebot fehlte, seit die verarbeitende Industrie nicht mehr lieferte. Gleichzeitig erzielten die Farmer am Anfang der Kette schlechte Preise. Manche mussten die Ware sogar verschenken oder vernichten, weil sie aus dem gleichen Grund keine Abnehmer fanden. Vor allem bei Schweinen und Rindern war das ein Problem“, sagt Brown.

Ben Brown

Ben Brown

arbeitet als Assistenz-professor für landwirtschaftliches Risiko-management an der Ohio State University. Der Sohn einer Farmerfamilie ist unter anderem Programm-Manager des Farmmanagement-Programms der Universität, das akademisches und industrielles Know-how vereint.


88 %


der in Deutschland benötigten Lebensmittel werden im Land produziert.

98 %


waren es noch im Jahr 1990.

60.000.000


Menschen wurden allein in der ­chinesischen Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt.

5.000


Pommes-Buden mussten in Belgien aufgrund der Corona-Krise schließen. Die nationalen Kartoffelhersteller rechnen mit Umsatzausfällen von mehr als 125 Millionen Euro.

Sichere Betriebe

Heute blicke er aber sehr viel optimistischer auf die Versorgungs­situation, sagt Brown: „Die Betriebe haben ihre Hausaufgaben gemacht, sie arbeiten sehr viel sicherer, damit Schließungen vermieden werden können.“ Es werden neue Lieferketten geknüpft, „aktuell beobachten wir, dass auch Einzel­händler beginnen, Fleisch selbst zu verarbeiten“, so Brown.

Für die Farmer seien die Krisenmonate ein Augenöffner gewesen, um ein funktionierendes Risikomanagement zu etablieren. „Das heißt, langfristige Verträge mit Abnehmern auszuhandeln, Instrumente des Finanzmarktes wie Hedging besser zu nutzen, also heute schon Preise für die Ernte von morgen zu vereinbaren“, so Brown. Die US-Regierung unterstütze die Bauern zudem mit Zuschüssen zu Umsatzausfallversicherungen. Auf der Betriebsseite ist auch eine Be­wegung zu mehr Diversifikation zu beobachten, das betrifft die Produkte, aber auch die Abnehmer.

Brown erwartet auch eine Zunahme der Automatisierung. Maschinen können sich nicht anstecken, müssen nicht in Quarantäne und kennen keinen Lockdown. „Technologie wird immer wichtiger und gerade jetzt können die Hersteller ihre Innovationen zum Leuchten bringen.“ Es gehe darum, Ernten noch schneller und automatisierter einfahren zu können, die Menschen sicher arbeiten zu lassen. Die Landmaschinenhersteller stehen damit vor potenziellen Chancen. Laut einer Umfrage des VDMA sehen die Hersteller in Deutschland die Zukunftsaussichten dabei deutlich positiver als internationale Wettbewerber.

In Großbritannien fehlte es nicht an Mehl, sondern an Mehltüten.

Zu Beginn des Lockdowns blieben in Großbritannien die Mehlregale leer, obwohl es nicht an Mehl mangelte. Die sonst importierten Verpackungen fehlten.


115.000.000


Menschen mehr könnten infolge der Corona-Krise an Hunger leiden, insgesamt wären es dann 250.000.000.

600.000.000


Tonnen Reis werden jährlich weltweit produziert.

Mehr Wertschöpfung auf den Höfen

In Europa beobachtet Ludivine Petetin, dass Farmer mehr Wertschöpfung auf die Höfe holen, nicht mehr nur Rohware liefern, sondern auch erste Verarbeitungsschritte übernehmen. Außerdem finde seitens der Verbraucher eine Rückkehr zu regionalen Erzeugnissen statt. Die Farmer reagieren darauf, richten Hof­läden ein, diversifizieren ihr Angebot. Ein Krisengewinner scheint der Ökoanbau, in Deutschland stieg der Absatz für Biolebens­mittel im März 2020 um 27 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Aber auch hier zeigt sich die Abhängigkeit von globalen Lieferketten: Ein Großteil des in der EU eingesetzten Biosaatguts stammt aus China.

10%

der Arbeitskräfte auf US-amerikanischen Farmen sind ausländische Saisonarbeiter. Je nach Jahreszeit summiert sich deren Zahl auf bis zu 2,7 Millionen Menschen.

26 / 4 / 2020

Der Tag, an dem der Chef des US-Fleischproduzenten Tyson Foods in einer einseitigen Anzeige in einer Tageszeitung annoncierte: „The food supply chain is breaking.“

25 %

weniger Rindfleisch wurden in den USA im April im Vergleich zum März 2020 produziert.

362

chinesische Saatguthersteller gab es im März 2020.

50 %

betrug der Einbruch im Geflügelangebot in China aufgrund von Transportproblemen im Vergleich zum Vorjahr.

30 %

davon waren zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Corona-Krise geschlossen.

100 %

teurer war Schweinefleisch vielerorts in China im Frühjahr 2020 im Vergleich mit 2019.

300.000

nomadische Imker waren in China von den Reisebeschränkungen betroffen, viele Aussaaten blieben dadurch unbestäubt.

80 %

der Beschäftigten in der deutschen Fleischindustrie sind nach Schätzungen ­osteuropäische Arbeits­migranten.

27 %

betrug der Umsatzanstieg bei Biolebensmitteln in Deutschland im März 2020 im Vergleich zum Vormonat.

300.000

landwirtschaftliche Saisonarbeiter kommen jährlich aus dem Ausland nach Deutschland.

98 %

der in Deutschland vor allem für Tierfutter benötigten ­Sojabohnen werden importiert.

20 %

beträgt die Überversorgung in Deutschland mit Schweine­fleisch, ein Großteil davon wird nach China exportiert.

68 kg

Soja wurden 2018 in der EU pro Kopf aus Nord- und Südamerika eingeführt.

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