Das können wir doch nicht machen!“ „Wie soll das funktionieren!?“ Wenn Frank Drexler sich erinnert, wie einige Kolleginnen und Kollegen reagierten, als die Zusammenarbeit mit John Deere konkreter wurde, tut er das mit Verständnis und ein bisschen Stolz. „Die ersten Reflexe waren normal. Wir und John Deere gemeinsam im Datenaustausch – das wäre vor Jahren tatsächlich schwer denkbar gewesen“, sagt der Mitverantwortliche für das DataConnect-Projekt bei CLAAS. Auch die Branche horchte auf, als die Initiatoren CLAAS und John Deere und die Datenmanagement-Experten 365FarmNet auf der AgriTechnica 2019 verkündeten, dass auch CNH Industrial seine Cloud anbindet. Tatsächlich ist eine solche Zusammenarbeit ein absolutes Novum in der Branche – allerdings eines, das konsequent aus Kundensicht entstand.

Denn die wenigsten Höfe haben einen ­homogenen Maschinenpark. Vielmehr ­finden sich innerhalb der Arbeitsketten Mähdrescher, Häcksler und Abfuhrfahrzeuge verschiedener Marken, die bisher nicht ohne großen Aufwand in einem System überwacht werden konnten. „Mit DataConnect können wir unseren Kunden sagen: du brauchst keine zusätzliche Soft­ware, sondern du kannst Geschwindigkeit oder die Maschinenposition deiner Maschinen von CLAAS, CNH Industrial und John Deere mit deiner präferierten Plattform erfassen“, so Drexler. Im Prinzip können zigtausende Landmaschinen weltweit, unabhängig von ihrem Baujahr, die DataConnect-Schnittstelle nutzen. Einzige Bedingung: Sie haben ein Telemetrie-System an Bord.

Kein neues Investment nötig

Dass sich alle Beteiligten gegen ein Joint Venture samt zusätzlicher Software entschieden haben, hat einen einfachen Grund, wie Frank Drexler berichtet: „Wenn der Kunde schon zweimal investiert hat – nämlich in unsere Technik und die eines anderen Herstellers –, dann sehen wir das als unsere Pflicht, einen Weg zu finden, beides direkt miteinander zu vernetzen, ohne eine neue Anwendung anzubieten.“ Und rein technisch gesehen, war dieser Weg kurz, da die Programmierzeit nur wenige Monate betrug. „Bei uns und den Partnern ist die Infrastruktur schon vorhanden. Genauso wie die Erfahrung in der Programmierung“, erklärt Drexler.

„Wir sehen in digitalen Lösungen das größte Potenzial, um Landwirten und Lohnunternehmern zu helfen, effizienter und gleichzeitig nachhaltiger zu arbeiten. Daher sind wir gefragt, diese Lösungen komfortabel nutzbar zu machen.“
Thomas Böck, Vorsitzender der Konzernleitung

Ein Ziel: Standards definieren

Auf dem längeren Teil des Weges waren strategische Fragen der Zusammenarbeit zu klären. CEO Thomas Böck hat gute ­Erinnerungen an die ersten Gespräche zwischen CLAAS und John Deere: „Das war natürlich eine Herausforderung für uns als Wettbewerber. Aber die Notwendigkeit, einen einheitlichen digitalen Standard zu schaffen, ist für alle in der Landtechnik groß. Letztendlich haben wir als Branchenführer gemeinsam die Initiative ergriffen und sind damit sogar einen Schritt weiter als die Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie.“

Sensibles sicher bewahren

Ein Thema, das Frank Drexler als einen der Projektmanager immer wieder beschäftigt, ist die Datensouveränität. Um Vorbehalten entgegenzuwirken, kommuniziert er das Thema offensiv mit seinem Counterpart auf Seiten von John Deere, Georg Larscheid. Oft wird die Frage gestellt, wer davon mehr profitiere.

„Auch unsere Kunden haben sich in der Vergangenheit einen einfacheren Datenfluss innerhalb des Maschinenparks gewünscht, um sowohl die Profitabilität als auch die Nachhaltigkeit ihrer Betriebe durch neue Möglichkeiten der Digitalisierung steigern zu können.“
Georg Larscheid, Leiter Sales Services &
Precision Ag bei John Deere

Der Leiter integrierte Systemlösungen bei John Deere erklärt: „DataConnect adressiert nur die Nutzer. Keiner der Partner hat mehr oder weniger Vorteile, weil wir keine Austauschplattform für uns entwickelt haben.“ Das heißt: CLAAS kann nicht einfach Daten der Mitbewerber sammeln – oder umgekehrt. Das ist nur dem Kunden möglich, weil dieser die Daten zur Analyse zum Beispiel bei Drittanbietern freigeben kann. Darüber hinaus seien zwischen den Herstellern ohnehin keine gemeinsamen Geschäftsmodelle möglich, die aus DataConnect resultieren. „Hier gibt es klare marktrechtliche Grenzen. Ansonsten schützt die DSGVO die Daten in der EU ohnehin sehr streng“, ­erklärt Drexler.

Große Möglichkeiten

Abgesehen von der komplexen Thematik blicken die Beteiligten sehr optimistisch auf die nächsten Schritte. „Als wir zum ersten Mal die Maschinen gekoppelt haben und sahen, dass es sehr gut funktionierte, war das natürlich ein gutes Gefühl.“ Seitdem sind ein paar Monate vergangen und einige Landwirte haben ihre Maschinen schon mit ihrem bevorzugten Portal verbunden. Sie sehen seit diesem Herbst auf einem Bildschirm die Antworten auf diese Fragen: Wo sind meine Maschinen? Wie ist der Arbeits­status? Wie schnell sind sie unterwegs? Dass die Sensoren eines Mähdreschers oder eines Häckslers ein Vielfaches mehr an Informationen auf dem Acker sammeln können, ist klar.

„Sobald DataConnect um agronomische Daten wie Düngemengen oder Erträge erweitert wird, können tausende Landwirte und Lohnunternehmer noch ein­facher das volle Potenzial ihrer Managementsoftware nutzen und dadurch den Betrieb optimieren.“
Patrick Honcoop, Leiter Produktmanagement Partnerships bei 365FarmNet

Daher sollen laut Fahrplan nach und nach agronomische Daten wie Erntemengen, Feldgrenzen oder Düngemengen hinzukommen. Diese lassen sich dann zum Beispiel mit Bodendaten und Anbaudaten ins Verhältnis setzen und nachhaltige Optimierungen sind so leichter zu planen. Wie wichtig diese Erweiterung sein kann, betont ­Patrick Honcoop, Produktmanager beim Mitinitiator 365FarmNet: „Wegen zu vieler unterschiedlicher Systeme kennen wir durchaus noch viele Kunden, die ihre Daten per USB-Stick von A nach B bringen oder die Systeme gar nicht einsetzen. Der einfache Datenaustausch fördert also auch die Akzeptanz für die weitere Digi­talisierung der Höfe und das Datenmanagement.“

Sobald DataConnect verfügbar ist, stellen sich bei der Wartung und im Service ganz neue Fragen: Was passiert zum Beispiel, wenn im TELEMATICS-Portal eine Maschine der Partner eine Fehlermeldung erzeugt? Wie sehen die Servicewege aus? Wie binde ich die Maschinen in mein bevorzugtes System ein? „Diese Prozesse wachsen parallel mit dem Projekt, indem Händler und Servicepartner geschult werden“, erklärt Drexler. So gesehen ist DataConnect schon jetzt mehr als eine von vielen Wolken am Datenhimmel.

Synergien mit internationalen Projekten
Mehrere Projekte auf inter­nationaler Ebene können von DataConnect profitieren: Alle DataConnect-Partner sind auch Mitglieder der Agricultural Industry Electronics Foundation (AEF), die unter dem Projektnamen Atlas einen Industriestandard zum Datenaustausch in der Landwirtschaft sucht. Deshalb planen die Partner ihre Erfahrungen mit der AEF zu teilen. Ein weiteres europäisches Dateninfrastrukturprojekt mit dem Ziel von mehr Datensicherheit und Souveränität innerhalb der EU ist Gaia X. Das darin geplante Programm für die Landwirtschaft heißt Agri-Gaia und setzt auf dezentrale Infrastruktur für den Austausch von Daten und Algorithmen in der Landwirtschaft: Dem Landwirt will Agri-Gaia ermöglichen, durch die Gaia-X-basierte Standardisierung seine Daten frei zwischen unterschiedlichen Cloud-Plattformen zu bewegen und sie selbst ökonomisch einzusetzen. Auch hier können DataConnect-Erkenntnisse helfen.

Die erhobenen Maschinendaten:
Maschinenposition
Historischer Verlauf der Position
Dieseltank-Füllstand
Aktueller Arbeitsstatus
Geschwindigkeit der Maschine

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